Ein kanadisches Gericht hat den Start eines Sammelverfahrens gegen Ticketmaster erlaubt, das die Praxis der Erhebung von Servicegebühren betrifft. Das Oberste Gericht von Québec erklärte Anfang Januar, die Klage erfülle alle rechtlichen Voraussetzungen. Damit ist der Weg für eine inhaltliche Prüfung und mögliche Entschädigungen für eine große Zahl von Kunden frei. Betroffen sein könnten Tausende Einwohner der Provinz, die in den vergangenen Jahren Tickets über die Plattform gekauft haben. Die Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf rollingout.
Gerichtliche Entscheidung und Grundlage der Klage
Eingereicht wurde die Klage im August 2024 von dem Montréal-Bewohner Felipe Morales über die Kanzlei Paquette Gadler Inc. Er gab an, beim Ticketkauf mit Gebühren konfrontiert worden zu sein, deren Höhe in keinem angemessenen Verhältnis zu den erbrachten Leistungen stand. Nach seiner Darstellung wirkten die Servicegebühren überhöht und nicht durch tatsächliche Kosten gedeckt. Diese Umstände bildeten die Grundlage für das gerichtliche Vorgehen.
Am 5. Januar entschied Richterin Eleni Giannakis, dass die Sache als Sammelklage geführt werden kann. Sie stellte fest, dass die vorgebrachten Ansprüche eine ausreichende rechtliche Basis haben. Ein Termin für die Hauptverhandlung steht noch nicht fest, doch der Beschluss ermöglicht den Übergang in die nächste Verfahrensphase. Damit ist eine umfassende gerichtliche Prüfung eröffnet.
Wer zur Sammelklage gehört
In die genehmigte Sammelklage fallen alle Einwohner Québecs, die seit Juli 2021 Tickets für Veranstaltungen in Nordamerika über Ticketmaster erworben haben. Angesichts des Umfangs der Geschäftstätigkeit des Unternehmens könnte es sich um eine sehr große Zahl von Verbrauchern handeln. Die Plattform verarbeitet wöchentlich Tausende Ticketverkäufe, was den potenziellen Kreis der Anspruchsberechtigten deutlich erweitert. Die Anwälte der Kläger rechnen mit einer hohen Beteiligung.
Kern der Vorwürfe zu den Gebühren
Im Mittelpunkt der Klage steht der Vorwurf, dass die von Ticketmaster erhobenen Gebühren nicht den tatsächlichen Kosten des Ticketverkaufs entsprechen. Die Kläger behaupten, das Unternehmen berechne die Provisionen prozentual auf Basis des Ticketpreises. Gleichzeitig seien die erbrachten Leistungen – etwa Zahlungsabwicklung, Kundensupport oder technische Infrastruktur – unabhängig vom Preis identisch. Dadurch zahlten Käufer teurer Tickets deutlich höhere Gebühren für denselben Service.
Weiter heißt es in der Klageschrift, dieses Preismodell könne gegen das Verbraucherschutzgesetz von Québec sowie gegen Bestimmungen des Zivilgesetzbuches verstoßen. Die Gebühren würden als übermäßig, ungerechtfertigt und rechtswidrig bezeichnet. Nach Auffassung der Kläger belasten sie Konsumenten, die Konzerte, Sportveranstaltungen oder Theateraufführungen besuchen wollen, in unangemessener Weise. In manchen Fällen steige der Endpreis um 20 Prozent oder mehr gegenüber dem angegebenen Ticketpreis.
Stellungnahme von Ticketmaster
Ticketmaster verteidigte auf Anfrage seine Gebührenpraxis und verwies auf ein seit 2018 in Kanada angewandtes, umfassendes Preismodell. Die Servicegebühren seien nicht willkürlich, sondern dienten der Deckung betrieblicher Kosten. Nach Angaben des Unternehmens würden die Einnahmen zwischen der Ticketplattform und den Veranstaltungsorten aufgeteilt. Damit würden Ausgaben für Personal, Zahlungssysteme und die notwendige Infrastruktur finanziert.
Zudem erklärte Ticketmaster, der eigene Anteil an den Gebühren liege in der Regel bei lediglich fünf bis sieben Prozent des Ticketpreises. Das Unternehmen argumentiert, dass eine prozentuale Staffelung dazu beitrage, niedrigpreisige Tickets erschwinglicher zu halten. Aus Sicht von Ticketmaster komme dieses Modell insbesondere preisbewussten Kunden zugute.
Teil größerer rechtlicher Herausforderungen
Die Klage in Québec ist nur ein weiteres Kapitel in einer wachsenden Zahl juristischer Auseinandersetzungen, mit denen Ticketmaster und die Muttergesellschaft Live Nation Entertainment konfrontiert sind. In Nordamerika sieht sich das Unternehmen mehreren Sammelklagen sowie Untersuchungen von Aufsichtsbehörden gegenüber. In den USA hat das Justizministerium eine kartellrechtliche Klage eingereicht, während die Federal Trade Commission separate Vorwürfe zur Geschäftspraxis erhoben hat.
Darüber hinaus ist Ticketmaster in Verfahren rund um den Verkauf von Tickets für große Tourneen sowie in Fragen des Datenschutzes verwickelt. In Mexiko schloss das Unternehmen im vergangenen Jahr eine Vereinbarung mit staatlichen Stellen und sagte zu, Beschwerden schneller zu bearbeiten. Diese Entwicklungen haben die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Ticketanbieter weiter verstärkt.
Mögliche Auswirkungen über Québec hinaus
Verbraucherschutzorganisationen gehen davon aus, dass das Verfahren in Québec auch Folgen für andere Regionen haben könnte. Sollten die Kläger Erfolg haben, könnte das Urteil ähnliche Klagen in weiteren kanadischen Provinzen nach sich ziehen. Auch international könnte der Fall Beachtung finden. Gleichzeitig rückt das Thema Preistransparenz im Ticketverkauf erneut in den Fokus.
Viele Verbraucherschützer fordern seit Langem klarere Regeln zur Offenlegung aller Gebühren bereits vor dem Kaufabschluss. Der Ausgang dieses Verfahrens könnte die Branche zu einfacheren und transparenteren Preismodellen bewegen. Im weiteren Verlauf des Prozesses werden sowohl Ticketmaster als auch die Kläger ihre Beweise vorlegen. Am Ende wird das Gericht entscheiden, ob die Gebührenpraxis mit dem Recht von Québec vereinbar ist oder ob betroffene Verbraucher Anspruch auf Entschädigung haben.
