In Deutschland hat eine Regierungskommission zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen eine Reform der Krankschreibungen vorgeschlagen. Geplant ist eine schrittweise Bewertung der Arbeitsunfähigkeit mit der Möglichkeit, teilweise weiterzuarbeiten. Die Initiative ist Teil eines umfassenden Pakets mit 66 Reformvorschlägen zur Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen. Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf zdfheute.
Stufenmodell statt „alles oder nichts“
Nach dem Vorschlag sollen Ärztinnen und Ärzte den Grad der Arbeitsunfähigkeit künftig differenziert festlegen können — etwa zu 100, 75, 50 oder 25 Prozent. Die Bewertung soll individuell erfolgen, in enger Abstimmung mit dem Patienten und unter Berücksichtigung des Gesundheitszustands.
Dem Bericht zufolge könnte dieses Modell es ermöglichen, dass Beschäftigte teilweise im Arbeitsprozess bleiben und schrittweise in den Beruf zurückkehren. Zudem ist vorgesehen, die Einstufung bei Veränderungen des Gesundheitszustands regelmäßig anzupassen.
Orientierung an internationalen Modellen
Im Bericht wird darauf hingewiesen, dass das deutsche Sozialrecht derzeit nur zwei Zustände kennt: vollständige Arbeitsfähigkeit oder vollständige Arbeitsunfähigkeit. In anderen Ländern, insbesondere in Skandinavien, existiert hingegen bereits ein System der teilweisen Arbeitsunfähigkeit.
Fachleute sehen darin einen möglichen Vorteil für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder langwierigen Genesungsprozessen. In solchen Fällen besteht häufig eine eingeschränkte, aber nicht vollständig aufgehobene Arbeitsfähigkeit.
Erwartete Effekte für System und Beschäftigte
Nach Einschätzung der Kommission könnte die Einführung gestaffelter Krankschreibungen die soziale und finanzielle Belastung im Krankheitsfall reduzieren. Gleichzeitig wäre eine Stabilisierung der solidarisch finanzierten Krankengeldausgaben möglich.
Zudem wird erwartet, dass ein schrittweiser Wiedereinstieg den Verlust beruflicher Qualifikationen bei längerer Abwesenheit verhindert. Auch der Erhalt sozialer Kontakte und alltäglicher Strukturen gilt insbesondere bei psychischen Erkrankungen als stabilisierender Faktor.
Risiken und Vorbehalte
Gleichzeitig weisen die Expertinnen und Experten auf mögliche Risiken hin. Dazu zählt insbesondere die Gefahr, dass Arbeitgeber Druck auf Beschäftigte ausüben könnten, trotz Krankheit zumindest teilweise zu arbeiten.
Im Bericht wird betont, dass die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ausschließlich auf medizinischen Kriterien beruhen und nur mit Zustimmung der betroffenen Person erfolgen darf. Zudem müsse die individuelle Belastungsgrenze berücksichtigt werden, um gesundheitliche Verschlechterungen zu vermeiden.
Kontext der Debatte um Krankschreibungen
Die Diskussion findet vor dem Hintergrund steigender Krankentage statt. Durchschnittlich fallen Beschäftigte in Deutschland mehr als 14 Tage pro Jahr krankheitsbedingt aus.
Als Ursachen werden neben häufigen Erkrankungen, etwa Atemwegsinfektionen, auch strukturelle Faktoren im Umgang mit Krankschreibungen genannt.
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