Am Dienstagmittag erschien der deutsche Sänger Xavier Naidoo vor dem Gebäude des Bundeskanzleramt in Berlin. Er befand sich unter den Teilnehmern einer angemeldeten Kundgebung, deren erklärtes Ziel es war, auf sexuellen Missbrauch von Kindern aufmerksam zu machen. Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf Вild.
Die Versammlung war von 12:00 bis 15:00 Uhr genehmigt. Anlass der Kundgebung war die Veröffentlichung neuer Dokumente im Zusammenhang mit dem US-Finanzier Jeffrey Epstein, dem zahlreiche Sexualstraftaten an Minderjährigen vorgeworfen worden waren.
Nach dem offiziellen Ende der Demonstration forderte die Polizei die Anwesenden auf, den Bereich zu verlassen, da sich zu viele Menschen auf den Gehwegen versammelt hatten. Ein Teil der Teilnehmer blieb jedoch vor Ort und versammelte sich um Naidoo. Der Sänger beantwortete Fragen zur Aufarbeitung der Epstein-Akten. Einige Fragesteller traten als Vertreter von YouTube-Kanälen auf.
Zunächst äußerte sich Naidoo ruhig und betonte, für ihn gehe es nicht um Rehabilitation, sondern darum, Kindern zu helfen. Als ein Teilnehmer unter Tränen von erlittenem Missbrauch berichtete, ging der Sänger auf ihn zu und umarmte ihn.
Im weiteren Verlauf änderte sich der Ton seiner Wortmeldungen. In Bezug auf mögliche Konsequenzen aus den veröffentlichten Akten sprach Naidoo von „Folgen für diejenigen, die unsere Kinder essen“ und verwendete wiederholt Begriffe wie „Kannibalen“. Seine Aussagen erfolgten mit erhöhter Lautstärke und deutlicher Gestik.
Anschließend begab sich Naidoo gemeinsam mit Demonstranten zum Eingang des Kanzleramts und bat Polizeibeamte, dem Bundeskanzler Friedrich Merz mitzuteilen, dass man ein Gespräch wünsche. Die Beamten verwiesen ihn an einen anderen Zugang. Kurz darauf wurde er aufgefordert, den Bereich rund um das Kanzleramt zu verlassen.
Nach Angaben des Musikmagazins Rolling Stone riefen im Anschluss an die offizielle Kundgebung rechte Akteure zu einer weiteren Versammlung auf, um die Epstein-Thematik für eigene Zwecke zu nutzen. Berichtet wurde unter anderem von der ultrarechten Medienplattform Compact sowie von verschwörungsideologisch ausgerichteten YouTube-Kanälen.
Naidoo war in den vergangenen Jahren mehrfach durch die Verbreitung von Verschwörungserzählungen aufgefallen. Unter anderem hatte er erklärt, Deutschland sei weiterhin „kein souveräner Staat“, und äußerte sich kritisch bis ablehnend gegenüber den Maßnahmen während der COVID-19-Pandemie. Teile seiner Aussagen wurden dem sogenannten Reichsbürger-Milieu zugeordnet.
Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, erklärte gegenüber der dpa, bestimmte von Naidoo verwendete Begriffe könnten als Anspielungen auf antisemitische Verschwörungsmythen verstanden werden. Entsprechende Narrative existierten seit Jahrhunderten und seien gesellschaftlich hoch problematisch.
Erst zwei Monate zuvor hatte Naidoo eine ausverkaufte Tournee absolviert – seine erste größere Konzertreihe nach längerer Pause. Der Auftritt in Berlin rückt nun erneut seine öffentlichen Äußerungen in den Fokus.
