Eine der größeren regionalen Bäckereiketten im Nordosten Deutschlands steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Die Wahl GmbH, die seit mehr als fünf Jahrzehnten Brot, Backwaren und Konditoreiprodukte herstellt, hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf Вild.
Das Unternehmen betreibt 54 Filialen in Berlin und Brandenburg. Mehr als 400 Beschäftigte arbeiten für die Bäckereikette und müssen nun mit möglichen Filialschließungen oder Stellenstreichungen rechnen.
Die ersten Standorte stellen bereits ihren Betrieb ein.
Welche Filialen der Bäckerei Wahl geschlossen werden
Nach Angaben der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ sollen zum 1. August mehrere Wahl-Filialen in Berlin und Brandenburg schließen.
Betroffen sind unter anderem Standorte in:
- Potsdam;
- Mittenwalde;
- Zossen;
- Berlin-Schmöckwitz.
Wie viele der insgesamt 54 Filialen im Zuge der Restrukturierung dauerhaft aufgegeben werden, hat die Geschäftsführung bislang nicht bekannt gegeben. Die Produktion am Unternehmensstandort in Bestensee soll jedoch weiterlaufen.
Die Filiale am Bahnhof Königs Wusterhausen gehört derzeit nicht zu den Standorten, die geschlossen werden. Sie gilt als eine der besonders gut gelegenen Verkaufsstellen der Kette. Im Café auf dem Bahnhofsgelände können Gäste frühstücken, warme Getränke kaufen, einen Imbiss einnehmen und frische Backwaren bestellen.
Eine Mitarbeiterin dieser Filiale erklärte gegenüber BILD, dass die Belegschaft etwa zwei Wochen vor der öffentlichen Bekanntgabe über die finanziellen Probleme informiert worden sei.
Nach ihren Angaben habe die Unternehmensleitung den Beschäftigten mitgeteilt, dass jeder selbst entscheiden könne, ob er das Unternehmen verlassen wolle. Die Verkäuferin selbst möchte bei Wahl bleiben, da die Filiale am Bahnhof eine stabile Kundschaft habe und vorerst nicht von der Schließung betroffen sei.
Warum die Bäckereikette Wahl zahlungsunfähig wurde
Geschäftsführerin Anett Wahl begründete die wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit deutlich gestiegenen Betriebskosten. Gleichzeitig seien viele Verbraucher weniger bereit, Geld für Back- und Konditoreiwaren auszugeben.
Besonders belastend für Bäckereien sind höhere Ausgaben für:
- Strom und Gas;
- Mehl, Butter und weitere Rohstoffe;
- Transporte und Lieferungen;
- die Miete von Verkaufsflächen;
- Personal und Löhne.
Zugleich sparen viele Kunden stärker beim Einkauf oder greifen häufiger zu günstigeren Backwaren aus Supermärkten und Discountern. Dadurch geraten selbst Unternehmen mit einer festen Stammkundschaft unter Umsatzdruck.
Trotz des Insolvenzantrags betont die Geschäftsführung der Wahl GmbH, dass das Kerngeschäft wirtschaftlich gesund und wettbewerbsfähig sei.
Das Verfahren in Eigenverwaltung soll dem Unternehmen ermöglichen, seine Strukturen neu zu ordnen, Kosten zu senken und möglichst viele Teile des Betriebs zu erhalten.
Was eine Insolvenz in Eigenverwaltung bedeutet
Bei einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung bleibt die bisherige Geschäftsführung grundsätzlich im Amt. Sie führt das Unternehmen unter der Aufsicht des zuständigen Gerichts und eines bestellten Sachwalters weiter.
Anders als in einem regulären Insolvenzverfahren wird die Unternehmensleitung nicht automatisch durch einen Insolvenzverwalter ersetzt. Sie kann selbst einen Sanierungsplan erarbeiten, mit Gläubigern verhandeln und die Betriebsstruktur anpassen.
Der Berliner Rechtsanwalt Jörg Franzke, der Wahl bei der Restrukturierung berät, sieht nach Angaben der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sanierung.
Zu den Stärken des Unternehmens zählen nach Einschätzung der Berater:
- ein tragfähiges Kerngeschäft;
- eine in der Region bekannte Marke;
- eine loyale Stammkundschaft;
- eine eigene Produktion;
- ein engagiertes Team mit mehr als 400 Beschäftigten.
Diese Faktoren könnten dazu beitragen, dass die Bäckereikette nach der Schließung unrentabler Filialen und einer Anpassung der Kostenstruktur weitergeführt werden kann.
Mehr als 400 Beschäftigte warten auf Entscheidungen
Bislang hat die Wahl GmbH keine umfassenden Massenentlassungen angekündigt. Die Schließung einzelner Verkaufsstellen könnte jedoch Verkäufer, Café-Mitarbeiter, Beschäftigte in der Logistik, Verwaltung und Produktion betreffen.
Wie viele Stellen tatsächlich wegfallen könnten, ist noch nicht bekannt. Der Produktionsstandort in Bestensee soll weiterarbeiten, wodurch ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze erhalten bleiben könnte.
Die weitere Entwicklung hängt vom Sanierungsplan, den Verhandlungen mit den Gläubigern und der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Filialen ab.
Das Unternehmen dürfte insbesondere prüfen, welche Standorte profitabel arbeiten, wie hoch die Mietkosten sind und wie viele Kunden die jeweiligen Filialen besuchen. Verkaufsstellen mit niedrigen Umsätzen oder besonders hohen laufenden Kosten könnten zuerst geschlossen werden.
Wahl expandierte nach der Insolvenz von Lila Bäcker
Die Bäckerei Wahl wurde 1972 in Volkstedt gegründet. Im Jahr 1978 zog das Unternehmen nach Bestensee um und entwickelte sich dort schrittweise zu einem regionalen Mittelständler mit eigener Produktion und zahlreichen Verkaufsstellen.
Noch im Frühjahr 2024 setzte Wahl auf Expansion. Das Unternehmen übernahm mehrere Filialen der insolventen Bäckereikette Lila Bäcker in Potsdam und im Landkreis Potsdam-Mittelmark.
Durch die Übernahme konnte Wahl seine Präsenz in der Region ausbauen und neue Kunden gewinnen. Gleichzeitig stiegen jedoch die Ausgaben für Mieten, Personal, Belieferung und den Betrieb des vergrößerten Filialnetzes.
Nun muss das Unternehmen selbst Standorte schließen und sein Geschäftsmodell neu ausrichten.
Deutsche Bäckereien leiden unter steigenden Kosten
Die finanziellen Probleme von Wahl stehen beispielhaft für die schwierige Lage vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen in Deutschland.
Wirtschaftserhebungen zufolge sehen rund 8,1 Prozent der deutschen Unternehmen ihre wirtschaftliche Existenz gefährdet. Besonders hoch ist der Druck im Einzelhandel, in der Gastronomie und im Beherbergungsgewerbe.
Bäckereien gehören zu den energieintensiven Betrieben der Lebensmittelbranche. Backöfen, Kühlanlagen, Lüftungssysteme und Produktionsmaschinen benötigen große Mengen Strom und Gas.
Die zusätzlichen Kosten können jedoch nicht vollständig an die Kunden weitergegeben werden. Zu starke Preiserhöhungen könnten dazu führen, dass die Nachfrage weiter sinkt.
Deshalb schließen immer mehr regionale Bäckereien einzelne Filialen, verkleinern ihr Sortiment oder versuchen, sich über ein Insolvenz- und Sanierungsverfahren neu aufzustellen.
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