Oleksandr Usyk hat Rico Verhoeven in Gizeh durch technischen Knockout in der elften Runde besiegt. In seinem ersten Interview nach dem Kampf sprach der ukrainische Schwergewichtschampion nicht über Titel oder Ruhm, sondern über die Ukraine, seine Familie und die Menschen in Schutzräumen, schreibt Imowell unter Berufung auf Reuters.
Der Kampf endete bei 2:59 Minuten der elften Runde. Usyk traf Verhoeven mit einem rechten Aufwärtshaken, der Niederländer kam wieder auf die Beine, doch der Ringrichter brach den Kampf eine Sekunde vor dem Rundengong ab. Reuters berichtete, dass zwei Punktrichter den Kampf vor der elften Runde 95:95 werteten, während ein dritter Verhoeven mit 96:94 vorne sah.
Nach dem TKO in Runde elf wurde Usyk im Ring gefragt, wie wichtig ihm dieser Erfolg sei. Seine Antwort verschob den Moment sofort vom Sport zur Lage in seiner Heimat.
„Für mich ist dieser Sieg sehr wichtig. Aber gerade jetzt sitzen meine Menschen in der Ukraine in Schutzräumen, unter Angriff.“
Usyk sagte außerdem, seine Tochter habe ihm vor dem Kampf geschrieben. Nach Reuters-Version lautete ihre Nachricht: „Papa, ich liebe dich, du gewinnst. Ich habe Angst.“ Die belarussische Zeitung Nasha Niva zitierte Usyk zudem mit den Worten, seine Tochter habe ihm geschrieben: „Papa, du wirst gewinnen.“
Der Kontrast war hart: In Gizeh stand Usyk unter Flutlicht vor den Pyramiden, während seine Familie und viele Ukrainer in der Nacht Schutz suchten. Der Weltmeister nannte ausdrücklich nicht nur seine eigene Familie, sondern sein Land.

Das Usyk Interview war kurz, aber politisch und persönlich. Usyk dankte Verhoeven für den Kampf, nannte ihn einen starken Gegner und richtete danach den Blick auf die Ukraine.
Er widmete den Sieg den Ukrainern und den ukrainischen Soldaten. Nasha Niva zitiert ihn mit der Aussage, er widme diesen Kampf den Menschen in der Ukraine und den ukrainischen Kämpfern.
Für Usyk war der Sieg sportlich notwendig. Verhoeven hatte den Kampf enger gemacht als erwartet, setzte den Champion mit seiner Physis unter Druck und lag nach einer Scorecard sogar vorne. Trotzdem bekam die sportliche Analyse nach dem Gong nur eine Nebenrolle.
Auch Verhoeven verließ Gizeh nicht als gewöhnlicher Verlierer. Der Niederländer, der vor allem als Kickbox-Star bekannt ist, brachte Usyk über weite Strecken in Probleme und kritisierte nach dem Kampf den Abbruch.
Verhoeven sagte bei DAZN laut Reuters, er habe den Stopp für zu früh gehalten. Er verwies darauf, dass die Runde praktisch vorbei war, und meinte, der Ringrichter hätte ihn entweder bis zum Gong kämpfen lassen oder ihm die Chance geben sollen, „auf dem Schild“ hinauszugehen.
Trotzdem blieb Usyk der Sieger des Abends. Seine Bilanz steht nach dem Kampf bei 25 Siegen aus 25 Profikämpfen. Er behielt seine Schwergewichtstitel und verhinderte eine der größten Überraschungen der modernen Boxgeschichte.

Der Abend in Ägypten liefert zwei Geschichten zugleich: sportlich einen knappen, umstrittenen Schwergewichtskampf; emotional einen Champion, der seinen größten Moment sofort mit der Ukraine verbindet.
Für Ukraine wurde Usyks Ringinterview deshalb zum eigentlichen Bild des Abends. Der Champion stand als Sieger im Ring, sprach aber über Schutzräume, Angst, seine Tochter und Soldaten.
Genau das macht den Sieg größer als das offizielle Ergebnis. Usyk gewann gegen Verhoeven, aber seine erste Botschaft galt nicht seiner Karriere. Sie galt einem Land, das während seines Triumphs weiter unter Angriff stand.
Zuvor berichtete Imowell: Angriff auf die Kiewer Region: Selenskyj spricht über Einsatz der Rakete „Oreschnik“, Tote und Verletzte.
