In Deutschland wird über die Zukunft der sogenannten Minijobs diskutiert. Die Rentenkommission schlägt vor, das bisherige Modell grundlegend zu verändern und Beschäftigte stärker in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf mdr.
Die Initiative sorgt bereits bei Arbeitnehmern für Unruhe, für die ein Minijob eine wichtige zusätzliche Einnahmequelle darstellt. Auch Arbeitgeber reagieren besorgt. Besonders betroffen wären Branchen, die stark auf flexibel einsetzbare Arbeitskräfte mit wenigen Wochenstunden angewiesen sind, darunter Reinigungsunternehmen.
Als ein Argument für die Reform wird der Kampf gegen Altersarmut genannt. Wirtschaftsexperten bezweifeln jedoch, dass eine Abschaffung des bisherigen Minijob-Modells dieses Problem tatsächlich lösen kann. Zudem warnen Fachleute vor einer möglichen Zunahme von Schwarzarbeit.
Beschäftigte fürchten um wichtiges Zusatzeinkommen
Der 25-jährige Saro Omer arbeitet am Wochenende in einem Reinigungsunternehmen. Staubsaugen, Böden wischen und Räume reinigen gehören für ihn zum Arbeitsalltag.
Mit dem Einkommen aus seinem Minijob finanziert er unter anderem seinen Schulabschluss. Später möchte er ein Studium im Bereich technisches Design aufnehmen.
Für Omer ist diese Beschäftigungsform vor allem deshalb attraktiv, weil sie sich mit seiner Ausbildung verbinden lässt, ohne dass er eine Vollzeit- oder reguläre Teilzeitstelle übernehmen muss.
Sollten sich die Regeln ändern und durch höhere Sozialabgaben weniger Netto vom Brutto übrig bleiben, müsste er seine alltäglichen Ausgaben deutlich genauer planen.
„Ich müsste wahrscheinlich zweimal überlegen, bevor ich jeden Euro ausgebe. Ich habe feste Kosten, und das Leben ist in letzter Zeit teurer geworden“, sagte Omer.
Zunächst wäre er von der geplanten Reform vermutlich nicht betroffen, da für Schülerinnen und Schüler eine Ausnahme vorgesehen ist. Nach Beginn eines Studiums könnte sich seine Situation jedoch ändern.
Neben dem Studium könne er nach eigenen Angaben weder eine Vollzeitstelle noch eine klassische Teilzeitbeschäftigung bewältigen.
Rentenkommission will Sonderstatus von Minijobs abschaffen
Derzeit gelten für Minijobs besondere steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Regelungen. Beschäftigte können sich unter bestimmten Voraussetzungen von eigenen Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung befreien lassen und dadurch einen größeren Teil ihres Bruttoverdienstes ausgezahlt bekommen.
Die Rentenkommission empfiehlt, dieses Modell zu verändern.
Nach ihren Vorschlägen sollen Minijobber stärker beziehungsweise verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Zugleich soll der bisherige steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Sonderstatus eingeschränkt oder abgeschafft werden.
Ausnahmen sollen vor allem für Schülerinnen und Schüler gelten.
Bislang handelt es sich um Empfehlungen. Ob und in welcher Form die Vorschläge umgesetzt werden, muss die Bundesregierung im Rahmen der weiteren Rentenreform entscheiden.
Unternehmen warnen vor wachsendem Personalmangel
Arbeitgeber befürchten, dass Minijobs durch neue Abgaben und Vorschriften für Menschen unattraktiver werden könnten, die lediglich einige Stunden pro Woche arbeiten oder sich etwas hinzuverdienen möchten.
Saro Omer ist einer von vier Beschäftigten mit einem solchen Arbeitsmodell im Reinigungsunternehmen Dreamin, das von Geschäftsführer Ratik Gash geleitet wird. Nach Angaben des Unternehmers sind Minijobber besonders dann wichtig, wenn kurzfristig zusätzliche Schichten besetzt oder Aufträge abgearbeitet werden müssen.
Schon heute sei es schwierig, ausreichend Personal für professionelle Reinigungsarbeiten zu finden.
„Grundsätzlich ist es sehr schwer, Personal zu finden, gerade in dieser Branche. Da müssen wir ehrlich sein“, sagte Gash.
Sollte das bisherige Minijob-Modell wegfallen, rechnet der Unternehmer damit, dass noch weniger Menschen bereit sein könnten, unter diesen Bedingungen in der Reinigungsbranche zu arbeiten.
Für sein Unternehmen könnte dadurch eine erhebliche Personallücke entstehen und die Abwicklung von Aufträgen schwieriger werden.
Ökonomen zweifeln am Argument der Altersarmut
Ein zentrales Argument für eine Reform der Minijobs ist die spätere Altersvorsorge der Beschäftigten. Befürworter der Änderungen weisen darauf hin, dass eine langjährige Beschäftigung mit geringen oder fehlenden Rentenbeiträgen zu niedrigen Rentenansprüchen führen kann.
Wirtschaftsexperten betrachten die Abschaffung des Sonderstatus von Minijobs jedoch nicht als allgemeine Lösung gegen Altersarmut.
Niedrige Einkommen im Ruhestand können nicht nur mit Minijobs zusammenhängen, sondern auch mit langen Phasen niedriger Löhne, Arbeitslosigkeit, Teilzeitbeschäftigung oder Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie.
Allein die stärkere Einbeziehung von Minijobbern in die Sozialversicherung garantiert daher nicht automatisch eine deutliche Verbesserung ihrer finanziellen Situation im Alter.
Experten warnen vor mehr Schwarzarbeit
Als weiteres Risiko der Reform gilt eine mögliche Zunahme nicht angemeldeter Beschäftigung.
Sollte eine offizielle Beschäftigung mit wenigen Arbeitsstunden für Arbeitnehmer finanziell weniger attraktiv und für Arbeitgeber organisatorisch aufwendiger werden, könnten Teile dieser Arbeitsverhältnisse in den informellen Arbeitsmarkt abwandern.
Das betrifft insbesondere Tätigkeiten, bei denen sich wenige Arbeitsstunden vergleichsweise leicht ohne reguläres Beschäftigungsverhältnis vereinbaren lassen.
Unternehmensvertreter fordern deshalb, bei einer Reform nicht nur die Auswirkungen auf die Rentenversicherung zu berücksichtigen, sondern auch die tatsächliche Lage auf dem Arbeitsmarkt und den bereits bestehenden Fach- und Arbeitskräftemangel in Branchen, die stark auf Minijobs angewiesen sind.
