Die japanische Avantgarde-Künstlerin Yayoi Kusama, bekannt für ihre großformatigen Installationen, Spiegelräume und unverwechselbaren Muster aus bunten Punkten, ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Ihr Studio, ihr Museum und ihre Stiftung gaben den Tod der Künstlerin am 27. August bekannt. Die Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf ВВС.
Kusama starb bereits am 14. August in einem Krankenhaus in Tokio. Eine Todesursache nannten ihre Vertreter nicht. In der Mitteilung hieß es, sie habe bis zu ihren letzten Tagen gearbeitet und ihren Pinsel praktisch nie aus der Hand gelegt. Die Nachricht wurde von Reuters und der Associated Press bestätigt.
„Sie malte bis zu ihren letzten Tagen weiter“, erklärte das Yayoi Kusama Studio. Die Vertreter der Künstlerin kündigten an, ihr Werk zu bewahren und auch künftig einem internationalen Publikum zugänglich zu machen.
Während ihrer jahrzehntelangen Karriere beschäftigte sich Kusama mit Malerei, Bildhauerei, Performance, Film, Prosa und Lyrik. Ihre Ausstellungen zogen Hunderttausende Besucher an, während ihre Werke bei Auktionen einige der höchsten Preise erzielten, die jemals für Arbeiten einer zeitgenössischen Künstlerin gezahlt wurden.
Punkte, Kürbisse und Spiegel wurden zu Kusamas Markenzeichen
Yayoi Kusama war nicht nur an ihren Kunstwerken zu erkennen, sondern auch an ihrem öffentlichen Erscheinungsbild: einer leuchtend roten Bob-Perücke und Kleidung mit großen kontrastreichen Punkten. Dieses Muster übertrug sie auf Leinwände, Möbel, menschliche Körper, Skulpturen, Wände und ganze Ausstellungsräume.
Die wiederkehrenden Punkte, Netze und Spiralen in Kusamas Werk waren von visuellen Halluzinationen beeinflusst, die sie nach eigenen Angaben seit ihrer Kindheit erlebte. Die Künstlerin berichtete, sie habe Muster auf Wänden, Decken, Gegenständen und ihrem eigenen Körper gesehen. Das Zeichnen und Malen half ihr, diese Bilder festzuhalten und die damit verbundene Angst zu kontrollieren.
Zu Kusamas bekanntesten Projekten gehören die „Infinity Mirror Rooms“. In diesen Installationen erzeugen Spiegel, Lichtelemente und sich wiederholende Gegenstände den Eindruck eines Raumes ohne Anfang und Ende. Die Besucher werden zu einem Teil der Komposition und sehen sich selbst zusammen mit Lichtern, Punkten oder Skulpturen unzählige Male gespiegelt.
Ein weiteres wiederkehrendes Motiv waren Kürbisse. Kusama erklärte, sie verbinde diese mit Stabilität, Geborgenheit und Erinnerungen an ihre Kindheit. Die Form des Kürbisses erschien ihr zugleich schlicht, freundlich und ausdrucksstark.
„Die Kürbisse sprechen zu mir“, sagte sie einmal in einem Interview.
Große gelbe und rote Kürbisse mit schwarzen Punkten wurden in Museen und an öffentlichen Orten in mehreren Ländern aufgestellt. Eine der bekanntesten Skulpturen befindet sich auf der japanischen Insel Naoshima, wo sie die mit der Fähre ankommenden Besucher empfängt. Kusamas Heimatstadt war allerdings Matsumoto in der Präfektur Nagano und nicht Naoshima.
Kindheit, Halluzinationen und Konflikte mit der Familie
Yayoi Kusama wurde am 22. März 1929 in Matsumoto geboren. Ihre wohlhabende Familie beschäftigte sich mit dem Anbau und Verkauf von Saatgut und Pflanzen. Ihre Kindheit war von familiären Konflikten geprägt, während ihre Eltern den Wunsch der Tochter, professionelle Künstlerin zu werden, nicht unterstützten.
Ihre Mutter wollte, dass Kusama dem im damaligen Japan üblichen Lebensmodell folgte, heiratete und die Kunst aufgab. Statt Farben und Leinwände zu kaufen, boten ihr die Eltern Kimonos an. Später berichtete Kusama, ihre Mutter habe ihr Zeichnungen weggenommen und versucht, sie am Malen zu hindern.
Die ersten Halluzinationen erlebte Kusama ihren Erinnerungen zufolge im Alter von etwa zehn Jahren. Blumen, Punkte und netzartige Ornamente schienen sich über Räume auszubreiten, Gegenstände zu verschlingen und schließlich auch die Künstlerin selbst zu erfassen. Sie bezeichnete diesen Zustand als „Selbstauslöschung“ oder „Selbstauflösung“ – als Verlust der Grenze zwischen dem Menschen und seiner Umgebung.
Während des Zweiten Weltkriegs musste die 13-jährige Kusama in einer Fabrik arbeiten, in der Stoff für Militärfallschirme hergestellt wurde. Nach dem Krieg besuchte sie die Kunstgewerbeschule in Kyoto und studierte Nihonga, eine traditionelle Form der japanischen Malerei.
Die strengen Regeln dieser Kunstrichtung empfand sie jedoch als zu einschränkend. Kusama interessierte sich zunehmend für die europäische und amerikanische Avantgarde und suchte nach einer Möglichkeit, Japan zu verlassen.
Umzug nach New York und Kampf um Anerkennung
Ende der 1950er-Jahre zog Kusama in die Vereinigten Staaten. In New York schuf sie großformatige Gemälde aus der Serie „Infinity Nets“, deren Oberflächen aus Tausenden kleinen, sich wiederholenden Pinselstrichen bestanden.
Die Künstlerin arbeitete im Umfeld von Pop-Art, Minimalismus und Konzeptkunst. Zu den Menschen, mit denen sie in Kontakt stand, gehörten Andy Warhol, Donald Judd, Joseph Cornell und Georgia O’Keeffe.
In den 1960er-Jahren begann Kusama, sogenannte weiche Skulpturen zu schaffen. Sie bedeckte Möbel, Schuhe und andere Alltagsgegenstände mit zahlreichen phallisch geformten Stoffelementen. Diese Werke brachte sie mit ihrer Angst vor Sexualität und dem Versuch in Verbindung, diese durch die ständige Wiederholung des Motivs zu überwinden.
Kusama organisierte außerdem öffentliche Performances, Antikriegsaktionen und Happenings mit nackten Teilnehmern, deren Körper mit Punkten bemalt wurden. Einige dieser Veranstaltungen richteten sich gegen den Vietnamkrieg, konservative gesellschaftliche Normen und die Kommerzialisierung der Kunst.
Die Aktionen verschafften ihr Aufmerksamkeit in der amerikanischen Presse, lösten in Japan jedoch heftige Reaktionen aus. Kusamas Familie betrachtete die öffentlichen Performances als Schande, während New Yorker Kritiker die Künstlerin häufig vor allem als provokante und skandalträchtige Figur darstellten.
Kusama erklärte später, dass bekannte männliche Künstler, darunter Andy Warhol und Claes Oldenburg, einige ihrer Ideen aufgegriffen hätten. Diese verfügten über bessere Kontakte zu einflussreichen Galerien, während die japanische Künstlerin lange Zeit aus der zentralen Erzählung über die amerikanische Nachkriegskunst ausgeklammert blieb.
Wie die „Infinity Mirror Rooms“ entstanden
Ihre erste Spiegelinstallation „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“ präsentierte Kusama im Jahr 1965. In einem kleinen Raum platzierte sie Hunderte weiche, mit roten Punkten bedeckte Objekte. Verspiegelte Wände erzeugten den Eindruck, dass sich diese Formen bis ins Unendliche wiederholten.
Das Motiv der Spiegelung tauchte auch im Projekt „Narcissus Garden“ auf, das Kusama 1966 ohne offizielle Einladung in der Nähe der Pavillons der Biennale von Venedig zeigte. Sie verteilte rund 1.500 verspiegelte Kugeln auf dem Boden und bot sie den Besuchern zum Kauf an. Die Aktion begleitete sie mit einem Slogan über den Verkauf von Narzissmus. Die Organisatoren untersagten schließlich den weiteren Verkauf.
1993 vertrat Kusama Japan offiziell im nationalen Pavillon der Biennale von Venedig. Für die Ausstellung schuf sie einen Spiegelraum mit zahlreichen kleinen Kürbisskulpturen. Die Präsentation wurde zu einem entscheidenden Schritt bei ihrer Rückkehr auf die internationale Kunstbühne.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sie das Konzept immersiver Installationen weiter. Dabei setzte sie hängende Lampen, Leuchtdioden, Wasser, Spiegel und Skulpturen ein. Wegen des großen Besucherandrangs durfte man sich in einigen Räumen nur wenige Sekunden aufhalten.
Soziale Netzwerke verstärkten die Popularität dieser Projekte zusätzlich. Fotografien mit endlosen Spiegelungen, bunten Lichtern und gepunkteten Kürbissen wurden millionenfach verbreitet. Kusamas Ausstellungen entwickelten sich dadurch zu einigen der meistbesuchten Veranstaltungen der zeitgenössischen Kunst.
Rückkehr nach Japan und Leben in einer psychiatrischen Klinik
Nach mehreren Jahren in den USA verschlechterte sich Kusamas psychischer Zustand. Sie litt unter Panikattacken, Halluzinationen und depressiven Phasen. 1973 kehrte sie nach Japan zurück. Vier Jahre später zog sie freiwillig in eine psychiatrische Klinik in Tokio.
Die Klinik wurde zu ihrem dauerhaften Wohnort, doch Kusama stellte ihre Arbeit nicht ein. Fast jeden Tag fuhr sie in ihr nahe gelegenes Atelier, wo sie Gemälde, Skulpturen, Entwürfe und literarische Texte schuf.
In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren wurden ihre Werke deutlich düsterer. In ihren Collagen beschäftigte sie sich mit Tod, Verfall, natürlichen Lebenszyklen und Einsamkeit. Gleichzeitig schrieb sie Romane, Erzählungen und Gedichte.
Eine Zeit lang nahm das Interesse an ihrer Kunst ab. Erst Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre begannen Museen und Kunsthistoriker, Kusamas Beitrag zur Entwicklung von Pop-Art, Minimalismus, Performance und Installationskunst neu zu bewerten.
Später wurden ihre Retrospektiven unter anderem im Museum of Modern Art in New York, in der Tate Modern in London, im Whitney Museum of American Art und im Centre Pompidou in Paris gezeigt.
Später Weltruhm und Rekordpreise
Ihre größte internationale Anerkennung erreichte Kusama erst im höheren Alter. Ihre Ausstellungen fanden in Europa, Asien, Nordamerika und Australien statt. Eintrittskarten für einzelne Projekte waren häufig bereits lange vor der Eröffnung ausverkauft.
2001 erhielt die Künstlerin den Asahi-Preis für ihren Beitrag zu Kultur, Wissenschaft und Kunst in Japan. 2016 wurde sie mit dem japanischen Kulturorden ausgezeichnet, einer der höchsten Ehrungen des Landes für Kunst- und Kulturschaffende.
2017 eröffnete in Tokio das Yayoi Kusama Museum, das vollständig ihrem Werk gewidmet ist. Dort wurden Gemälde, Skulpturen und Installationen gezeigt, darunter auch Arbeiten aus ihren späten Serien.
Kusamas Bilder erzielten zudem hohe Preise bei internationalen Auktionen. 2022 wurde das 1959 entstandene Gemälde „Untitled (Nets)“ für rund 10,5 Millionen US-Dollar verkauft. Ihre Werke zählen damit zu den teuersten Arbeiten von Künstlerinnen weltweit.
Kusama arbeitete auch mit Mode- und Luxusmarken zusammen, darunter Louis Vuitton. Ihre bunten Punkte erschienen auf Kleidung, Taschen, Schaufenstern und Gebäudefassaden. 2023 wurde vor dem Pariser Kaufhaus Samaritaine eine riesige Figur der Künstlerin installiert, die Teil einer Kampagne des Modehauses war.
Bis in ihre letzten Lebensjahre schuf Kusama neue Gemäldeserien und plante großformatige Ausstellungsprojekte. Ihre Vertreter teilten mit, dass bereits angekündigte Museumsausstellungen wie vorgesehen fortgesetzt werden sollen.




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