Die Nordseeinsel Föhr, die lange als rattenfreies Gebiet galt, steht vor einem massiven Problem. Die Nagetiere haben sich auf der Insel ausgebreitet und bedrohen inzwischen Vögel, die direkt am Boden brüten. Besonders betroffen ist die Uferschnepfe, eine Art, die ohnehin unter Druck steht. Naturschützer berichten von einem deutlichen Rückgang der Bestände und sehen bislang keine wirksame, dauerhafte Lösung. Die Website Imowell.de berichtet unter Berufung auf hna.
Eine Insel, die lange als sicherer Brutraum galt
Föhr hatte über viele Jahre den Ruf einer ruhigen Insel mit wertvollen Naturräumen und guten Bedingungen für Bodenbrüter. Auf feuchten Wiesen, Marschflächen und Weiden fanden Vogelarten geeignete Brutplätze, die auf offene Landschaften und möglichst wenige Fressfeinde angewiesen sind. Dazu gehört auch die Uferschnepfe, ein charakteristischer Vogel der Küstenregionen an der Nordsee.
Die Lage änderte sich, nachdem Ratten auf der Insel auftauchten. Nach Angaben lokaler Naturschützer haben sich die Tiere stark ausgebreitet und dringen inzwischen in Brutgebiete vor. Für Vögel, die ihre Eier am Boden ablegen, ist das eine akute Gefahr: Ratten finden Gelege, fressen Eier und greifen Jungvögel an.
Der Naturschützer Dieter Risse, der auf seinem Andelhof in der Marsch rund 20 Brutpaare der Uferschnepfe betreut, berichtet von einem spürbaren Rückgang der Population im Westen Föhrs.
„Jetzt ist die Insel voller Ratten“, sagte der 70-jährige Naturschützer gegenüber der SHZ-Mediengruppe aus Schleswig-Holstein.
Wie Ratten Bodenbrüter auf Föhr gefährden
Das Problem besteht nicht nur darin, dass Ratten auf der Insel leben. Entscheidend ist, was passiert, wenn sie Brutplätze erreichen. Bodenbrütende Vögel haben nur begrenzte Möglichkeiten, ihre Eier oder Küken gegen solche Fressfeinde zu verteidigen.
Bei der Uferschnepfe ist das Risiko besonders groß. Die Art brütet auf offenen, feuchten Wiesen. Die Nester liegen niedrig und sind für Tiere, die sich am Boden bewegen, leicht erreichbar. Findet eine Ratte ein solches Nest, bleiben den Jungvögeln kaum Überlebenschancen.
Risse warnt deshalb vor den Folgen, wenn keine wirksamen Maßnahmen ergriffen werden.
„Wenn nichts unternommen wird, überlebt der Nachwuchs nicht“, sagte er.
Nach seinen Angaben war Föhr über viele Jahre frei von Ratten. Das änderte sich Anfang der 2000er-Jahre, als die Nagetiere auf die Insel gelangten. Seitdem sind sie zu einem dauerhaften Problem für Landwirte, Grundstückseigentümer und Naturschützer geworden.
Fangversuche bringen kaum Erfolg
Naturschützer versuchten bereits, die Tiere mit Lebendfallen zu fangen. Diese Methode reicht auf offenen Weiden und in Marschlandschaften jedoch nicht aus. Nach Einschätzung von Risse verändert der Fang einzelner Tiere die Gesamtlage kaum, wenn sich die Population bereits auf der Insel etabliert hat.
Er räumte ein, dass es nahezu sinnlos sei, Ratten von den Weiden entfernen zu wollen. Auf großen offenen Flächen kehren die Tiere schnell zurück oder wandern aus anderen Bereichen nach. Das erschwert eine systematische Bekämpfung, besonders dort, wo gleichzeitig Vögel geschützt und andere Tierarten nicht gefährdet werden sollen.
Auch Landwirte auf Föhr haben mit der Rattenplage zu tun. In privaten Betrieben und landwirtschaftlichen Anlagen werden zunehmend professionelle Schädlingsbekämpfer eingeschaltet. Der Grund liegt in der Dimension des Befalls, die Grundstückseigentümer häufig nicht selbst zuverlässig einschätzen können.
Neue Regeln erschweren den Einsatz von Gift
Zusätzlich wird die Rattenbekämpfung durch rechtliche Vorgaben erschwert. In Deutschland sollen die Möglichkeiten zur Verwendung von Rattengift deutlich eingeschränkt werden. Privatpersonen ohne entsprechende Sachkunde dürfen solche Mittel künftig nicht mehr frei erwerben.
Die EU-Regelung soll andere Tiere schützen. Das betrifft besonders Greifvögel, die sich vergiften können, wenn sie belastete Nagetiere fressen. Aus ökologischer Sicht ist dieser Schutz nachvollziehbar, vor Ort führt er jedoch zu zusätzlichen Schwierigkeiten in Gebieten, in denen die Rattenpopulation bereits ein ernstes Problem darstellt.
Fachleute befürchten, dass eingeschränkter Zugang zu Giftmitteln zu einem weiteren Anstieg der Rattenbestände führen könnte. Zusätzlich erschwert das Verbot von Langzeitködern die Lage, wenn kein schwerer Befall nachgewiesen ist.
Für Föhr bedeutet das ein komplizierteres Vorgehen. Grundstückseigentümer können nicht beliebig handeln, und die Bekämpfung der Tiere erfordert immer häufiger den Einsatz spezialisierter Fachfirmen.
Amt Föhr-Amrum gibt Hinweise für Betroffene
Das Amt Föhr-Amrum hat einen Leitfaden veröffentlicht, der beschreibt, was bei Rattenbefall auf privaten Grundstücken zu tun ist. Darin heißt es, dass Grundstückseigentümer einen Befall melden müssen.
Die Verwaltung empfiehlt außerdem, Fachfirmen einzuschalten. Der Grund: Privatpersonen unterschätzen häufig das Ausmaß des Problems. Ein einzelnes entdecktes Nest oder das Auftreten weniger Tiere kann auf eine deutlich größere Population in der Umgebung hinweisen.
Ein konkreter Fall in Wyk zeigt, wie weitreichend das Problem werden kann. Dort sackte eine Straßenoberfläche ab, nachdem ein Rattennest entdeckt worden war. Der Vorfall macht deutlich, dass es nicht nur um Natur- und Vogelschutz geht, sondern auch um Infrastruktur auf der Insel.
Naturschützer fordern eine dauerhafte Lösung
Trotz einzelner Kontrollmaßnahmen bleibt die Lage auf Föhr angespannt. Naturschützer betonen, dass punktuelles Fangen oder Reagieren erst nach Beschwerden nicht ausreicht, um die Vögel zu schützen, die jedes Jahr zu ihren Brutplätzen zurückkehren.
Dieter Risse fordert deshalb eine langfristige Strategie. Ohne eine dauerhafte Lösung würden die Bestände der Bodenbrüter auf der Insel weiter zurückgehen.
„Wir brauchen dringend eine dauerhafte Lösung“, sagte der Naturschützer.
Das Problem auf Föhr steht in einem größeren Zusammenhang. Invasive Arten beeinflussen zunehmend Flora und Fauna der Nordseeinseln. Auf Sylt gilt etwa die Kartoffelrose als Gefahr für Küstendünen. Auch andere Inseln sehen sich neuen Belastungen für ihre empfindlichen Ökosysteme gegenüber.
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